Langeweile 2.0: High Five mit Handy-Freiflug

Als man mich in jungen Jahren dazu aufforderte, auf die Hand eines anderen Kindes einzuschlagen, hielt ich das für einen recht aggressiven Akt der wechselseitigen Kommunikation. Der deutschsprachige Appell „Schlag ein!“ ließ sich ja schon mit einem Kampfsignal gewalttätiger Jugendbanden assoziieren. Aber sie war beinahe nachvollziehbar, sofern man sich nicht zu viel dabei dachte. Als sich das Codewort allerdings von „Schlag ein!“ zu „High Five“ wandelte, konnte ich bloß mit dem Kopf schütteln. Eine Weltsprache ist ja eine gute Sache, aber derartige Begrifflichkeiten aus dem internationalen Jugendslang haben sich mir niemals erschlossen. „Hohe Fünf“ hätte jedoch kaum plausibler geklungen. Man konnte sich also lediglich fragen, was denn die nächste Stufe einer modernen Begrüßung darstellen würde – etwa zwei Köpfe, die begeistert aufeinanderprallen, quasi als High Nine mit darauffolgender Gehirnerschütterung? Selbst das wäre sicher noch harmlos gewesen. Doch nun – einige Jahrzehnte später – erhalten wie unsere Antwort: Der Nachfolger jener populären High Five-Grußformel ist das High Five-SELFIE.

Wie ein unter bestimmten Gesichtspunkten vermutlich hochwertiger Artikel beschreibt, ist der besagte Trend durch den üblichen Twitter-Domino-Effekt entstanden. Da dachte sich ein selbsternannter Lebenskünstler: Drücken wir doch mal den Auslöser unserer Smartphone-Kamera, schmeißen das nutzlose Ding anschließend in die Lüfte und klatschen ganz schnell die Hände über dem Kopf zusammen. (Letzteres sei kritischen Beobachtern dieser Aktion ohnehin empfohlen!)

Mit der ursprünglichen Hochverfünfung hat diese Zeremonie tatsächlich recht wenig gemeinsam. Immerhin benötigt man hierzu keinen „Abklatsch-Kumpel“, sondern lediglich zwei intakte Hände sowie ein gewisses Reaktionsvermögen bzw. ein gesundes Maß an Hyperaktivität. Somit entspricht diese Technik zweifelsfrei dem gängigen Bild einer vereinsamten Web 2.0-Generation, deren durchschnittlicher Vertreter in erster Linie die Nähe seines Mobiltelefons zu suchen scheint. Wie dem auch sei: Zeiten ändern sich und es wird der Tag kommen, an dem sich unsere Spezies nur noch über Likes und Selfies zu verständigen weiß.

Eigentlich dient die Hochverfünfung 2.0 sogar einem guten Zweck. In den nächsten Monaten werden voraussichtlich viele Smartphones zu Bruch gehen und einige Menschen werden dazu genötigt sein, einfach mal wieder ihr eigenes Gehirn zu benutzen – zumindest bis zu dem Zeitpunkt, an dem das Gehalt oder der Elternzuschuss ausreicht, um sich die neue, erstmals rundum gepolsterte Version des intelligenten Hosentaschenfreundes anzueignen.

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