Von Geistern auf Parkbänken

Vor einigen Wochen meldete sich bei Domian eine Anruferin zu Wort, die sich als Opfer eines sogenannten Ghosting-Trends sieht. Ghosting, so schilderte die Dame weiter, bezeichne das Verhalten eines Liebespartners, quasi stillschweigend aus dem Leben seiner Gefährtin zu verschwinden (und vermutlich auch umgekehrt). Vor zwanzig Jahren wurde dies vielleicht noch liebevoll „Arschloch“ genannt, heute hingegen ist von einem Zeitgeistphänomen die Rede – „Ghosting“ eben. Kürzlich trug zudem ein kritischer Artikel auf welt.de zur Erweiterung meines Wissensstandes bei. Demnach wurde jene Datingsprache mittlerweile um den Begriff „Benching“ ergänzt. Der Unterschied ist rasch erklärt: Während der gemeine Ghoster so gar keinen (digitalen) Laut mehr von sich gibt, schreibt der feige Bencher noch distanzierte SMS- oder Whatsapp-Nachrichten.

Fassen wir also zusammen: Unsere digitale Gesellschaft ist mehr denn je bemüht, den Nutzen der deutschen Sprache zu untergraben, indem sie abstrusen englischen Wortschöpfungen aus dem Hipsterjargon Einlass ins Vokabular gewährt – mystisch anmutende Verben, welche eine eigentlich richtig miese Angelegenheit mit ihrem Wohlklang zu verharmlosen scheinen. Besagte Phänomene kennen wir allerdings schon aus unserer Jugend und auch unsere Großeltern dürften darüber zu berichten wissen. Bereits in der Steinzeit waren Ghosting und Benching gang und gäbe. So hinterließ zum Beispiel ein benching-begabter Höhlenmensch seinem Weib die folgende Botschaft auf der Kreidewand: „Na? Wie ist das Mammut heute?“ (Ja, das ist tatsächlich überliefert. Ich bin nur gerade zu faul, die entsprechenden Quellen anzugeben.)

Natürlich muss dieser Beitrag schlussendlich mit einem Blick in die Zukunft aufwarten. Aus diesem Grund werde ich nun einige Vorschläge auflisten, durch welche sich unser neues Sprachverständnis noch bereichern ließe.

Holejumping.
In eine Depression verfallen.

Freestyle-wagging.
Sich exhibitionieren, in der Öffentlichkeit sein Genital entblößen.

Loveguarding.
Paare beim Geschlechtsverkehr beobachten, etwa im Park oder im privaten Schlafzimmer der Liebenden – sofern freie Sicht besteht.

Economicloving.
Heiratsschwindel, eine reiche Frau bzw. einen reichen Mann ehelichen, ohne die Person tatsächlich zu lieben.

Wine-insourcing.
Von Alkohol abhängig sein.

Caretalking.
In betrunkenem Zustand wildfremde Leute ansprechen, pöbeln.

Greenskipping.
Die Gefühle der Natur missachten, Mülltrennung vermeiden, Meere verschmutzen, Wälder abholzen, den Klimawandel vorantreiben, etc.

Brownchanging.
Zur Abwechslung mal eine rechtsradikale Partei wählen.

abstract-acting.
Öffentlich ausflippen, sich danebenbenehmen.

Ein typischer Dialog unter Jugendlichen würde in zehn Jahren übrigens etwa folgendermaßen stattfinden:

„Ey, hast du schon gelistened, wie die olde Bitch abstract geacted hat, als ihr Belonger ihr den Deal mit der Zweitbitch confessed hat?“ – „Klar! Voll outgesourced hat die!“

Und wir werden die Jugend immer wieder fragen: „Worin bestand denn nun eigentlich euer Problem mit der deutschen Sprache?“

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s