Ausblick: Weihnachten im Jahr 2030

Ach ja, die Vorweihnachtszeit… Der Dezember ist ja bekanntlich der einzige Monat im Jahr, in dem Traditionen noch Beachtung finden. Da befassen wir uns mit den ganz großen Fragestellungen unseres Lebens, etwa den im Folgenden genannten: Wo kann man Geschenke einkaufen, ohne von Menschenmassen überrannt zu werden? … Welcher TV-Sender repräsentiert die besten Kitsch- und Heimatfilme? … Wie tötet man den Weihnachtskarpfen in der Badewanne auf möglichst effektive Weise? Und da wir momentan so viel Wert auf Traditionen legen, möchte ich euch heute eine Weihnachtsgeschichte erzählen, die mit einem Blick in die nicht allzu ferne Zukunft einhergeht.

Weihnachten im Jahr 2030 – ein besinnlicher Ausblick

Es ist Dezember. Alles scheint höchst besinnlich. Irgendwo herrscht vermutlich gerade Krieg, aber das macht ja nichts. Das ist immer schon so gewesen und daran lässt sich wohl nichts ändern. In den Bussen und Bahnen setzen sich die Leute lieber mit Dingen auseinander, die nicht den Möglichkeiten ihrer Einflussnahme entgleiten. Pünktlich zum ersten Advent wurde die „Marzipankartoffel-Edition“ der Facebook-Anwendung „Candy Crush“ freigeschaltet. Zwölfjährige Jungen und Mädchen stehen harmonisch beieinander, jeder von ihnen seinem Smartphone zugewandt, und versperren einer älteren Dame den Durchgang zum letzten freien Sitzplatz. Aber man darf ihnen keine bösen Absichten unterstellen – ihnen wurde eben niemals gelehrt, ihre Umwelt wahrzunehmen. Deshalb hätte auch die Greisin nicht erwartet, dass man ihr mit Anstand begegnen würde. Diese Kids wollen eben fly sein, wie könnte sie es ihnen verübeln?

Nach siebzehn Minuten hat sie ihr Ziel erreicht. Sie steigt vorne aus, ohne sich beim Busfahrer zu verabschieden. Wir befinden uns ja schließlich nicht mehr in den 90ern. Im Nebel, den sie unter Zuhilfenahme ihrer Anti-Nebel-App durchschreitet, verbirgt sich das vor drei Jahren eröffnete Steve Jobs-Gedächtniszentrum. Die alte Dame schwelgt noch in den Erinnerungen an die letzten Supermärkte, die vor einer halben Dekade ihre Pforten schlossen. Schon damals war absehbar, dass diese antiquierten Real Life-Shopping-Einrichtungen dem Marktriesen Amazon nicht ewig Widerstand leisten konnten. Nun ist es an der Zeit, die Weihnachtseinkäufe zu tätigen. Aufgrund ihrer schwindenden Sehschärfe ist diese Frau kaum in der Lage, am Mobiltelefon größere Aktionen auszuführen. Also müssen die hier verfügbaren Monitore in Leinwandgröße Abhilfe schaffen. Gewiss kann jeder Passant beobachten, was unsere Protagonistin dort treibt. Überwachungskameras zeichnen ihre Aktivitäten zusätzlich auf – zur Sicherheit, versteht sich! Insofern ist es beinahe nützlich, dass der Passwortschutz inzwischen abgeschafft und durch eine Selfie-Anmeldung ersetzt wurde.

Nach erfolgreichem Online-Konsum begibt sie sich noch zur Climate Change Area, die sich in der Nähe des Ausgangs befindet. Dort lässt sich der derzeitige Stand des Klimawandels einsehen. Ein integrierter Countdown verkündet die voraussichtlich verbleibende Lebensdauer der Menschheit – eben bis zu jenem Zeitpunkt, an dem unser CO2 nicht mehr atembar sein wird. Es mutet wie Zynismus an, dass aus einem Lautsprecher nahe der Auskunftstheke der Song „Last Christmas“ ertönt. Manche Dinge ändern sich eben nie.

Wechseln wir rasch unsere Perspektive: Unsere Aufmerksamkeit gilt nun einer Gruppe von Jugendlichen zwischen 16 und 17 Jahren, die auf dem Schulhof stehen und sich gar sonderbar verhalten. Grund hierfür ist ein neues Meme, welches momentan die sozialen Netzwerke flutet: Die Eyes up-Challenge. Die Schüler wenden ihren Blick vom Handy ab und betrachten für einige Sekunden ihre Umgebung. In ihren Augen lässt sich Furcht und Unsicherheit vernehmen und ihre Köpfe bleiben doch stets gesenkt. Der Anführer jener Gruppe filmt das Geschehen mit seinem Smartphone und lässt dieses Zeugnis einer vermeintlich aufstrebenden Generation bei Youtube erscheinen. Nun widmet man sich wieder den üblichen WhatsApp-Konversationen und schenkt den Klassenkameraden noch weniger Beachtung als zuvor. In drei Tagen jedoch wird man an diesem Treffpunkt erneut Real Socialising betreiben – pünktlich zur Nikolaus Challenge. Die Regeln sind simpel und vielleicht ein wenig grotesk: Hierbei füttern sich die jungen Menschen gegenseitig mit Schokolade, welche allerdings nicht mit herkömmlichem Besteck, sondern mit dem Handy in die hungrigen Mäuler geschaufelt wird.

Ansonsten verläuft die Vorweihnachtszeit eigentlich eher unspektakulär. Weihnachtsbäume stehen inzwischen unter Artenschutz und dürfen lediglich noch von 3D-Druckern erzeugt werden. Weiße Weihnachten gelten unlängst als Legende und der Weihnachtskarpfen ist wahrscheinlich ausgestorben.

Natürlich ist diese Geschichte bisweilen als Fiktion zu betrachten – ein guter Grund, dieses Weihnachten nochmal zu genießen!

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